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Kampagnen gegen Szene-Läden der extremen Rechten

Wider die Veralltäglichung: In vielen Orten existieren Läden, die die extreme Rechte – vor allem in ihrer subkulturellen Ausprägung – bedienen. Ihre Zahl nimmt trotz oft erzwungener Geschäftsaufgaben nicht ab, da an anderem Ort neue Läden öffnen. Mancherorts werden diese Geschäfte als unproblematisch begriffen oder nicht wahrgenommen. Andernorts haben Kampagnen die Öffentlichkeit sensibilisiert und manchmal sogar für eine Schließung der Läden gesorgt.

Die Normalisierung der extremen Rechten zeigt sich am deutlichsten an der Gewöhnung ihrer Präsenz im Alltag. Dabei geht es nicht nur um NPD-Plakate und Infostände vor Wahlen,RechtsRock hörende Kids und Menschen, deren Staffage von der Bekleidungsindustrie des Spektrums mit seinen ein- und zweideutigen Motiven bedient wird. Die Veralltäglichung zeigt sich auch daran, dass in verschiedenen Regionen Aktivisten der extremen Rechten und auch zum Teil windige Geschäftemacher Läden eröffnen, deren Sortiment die Nachfrage der Szenegänger der subkulturellen und organisierten extremen Rechten befriedigt. Während die zweite Hälfte der 1990er Jahre von einer Ausbreitung der Vertriebsstrukturen des RechtsRock, zunächst über Mailorder und später über Webshops, geprägt war, erobern nun Ladengeschäfte die Städte und die Provinz – allen voran jene Händler, die die große Nachfrage nach “Thor Steinar”-Bekleidung befriedigen.

“Thor Steinar”

Unbekümmert verweist die Firma “MediaTex GmbH” auf der Homepage ihrer Marke “Thor Steinar” auf neun Läden in der Bundesrepublik, in denen ihre Waren verkauft werden. Neben einem Foto fi nden sich dazu die Adressen der Geschäfte. Unbekümmert, steht doch jeder dieser Läden oft einem Bündnis von AnwohnerInnen, Geschäftsleuten, Politikern und antifaschistischer Gruppen gegenüber, die diese Geschäfte und ihre oft neonazistisch eingestellte Kundschaft nicht dulden. Der Erfolg der lokalen Kampagnen gegen diese Läden zeigt sich in der Regel an deren Halbwertszeit. Von den auf der Homepage der Brandenburger Firma aufgelisteten Geschäften führt der Laden “Doorbreaker” im Berliner Ring Center die Marke am Längsten. Seit 2002 haben sie die Klamotten mit der Rune im Angebot. Andere Läden, die zuvor schon “Thor Steinar ” verkauften, haben in vielen Fällen die Marke mittlerweile wieder aus dem Programm genommen, während einige Geschäfte, die vor allem auf die bei Neonazis beliebte Bekleidung setzten, längst wieder schlossen. Entsprechend wurde der nächst ältere Laden auf der Website von “MediaTex”, die “Tønsberg “-Niederlassung in Leipzig, erst im September 2007 eröffnet. Dort wusste der Vermieter bei Vertragsschluss nicht, wer in seine Räume einziehen sollte. Der Eigentümer des Ladenlokals in der Richard-Wagner-Straße reklamierte, er sei arglistig getäuscht worden und klagte. Am 31. März 2009 endete der Rechtsstreit in einem Vergleich. Bis Ende Juni diesen Jahres muss der Laden geräumt werden. Auf derart engagierte Vermieter hoffen jene, die sich derzeit in anderen Städten gegen den Verkauf der bei Neonazis beliebten Kleidung engagieren. Den Betreibern der “Tønsberg”-Niederlassung in der Rosa-Luxemburg-Straße, die im Februar 2008 eröffnet wurde, ging vom Vermieter ebenso eine Kündigung zu wie dem Betreiber der Niederlassung in Nürnberg – hier kam sie bereits drei Wochen nach der Eröffnung am 28. November 2008 – und auch dem Geschäftsführer des Ende Februar 2009 in Berlin Friedrichshain eröffneten Ladens “Tromsø” – hier folgte die Kündigung nach zwei Wochen. Eine gerichtliche Entscheidung steht in diesen Fällen noch aus. Doch manchmal sind solche Erfolge für die Bündnisse vor Ort nur von kurzer Dauer. Der aus dem Magdeburger Hundertwasserhaus geklagte Laden “Narvik” feierte im Januar 2009 seine Wiedereröffnung in neuen Räumen – vier Kilometer vom alten Standort entfernt. Im Januar bekam auch die “Thor Steinar”-Kundschaft in Erfurt einen Laden mit dem gewohnt nordischen Namen “Trondheim” und am ersten Aprilwochenende 2009 eröffnete in Essen der Laden “Oseberg” – dort ließ der Vermieter bereits verlauten, dass er eine fristlose Kündigung anstrebe. Doch die auf der Website von “MediaTex” geführten Läden sind längst nicht alle, die “Thor Steinar” im Angebot haben. Auch gegen sie regt sich Widerstand.

Bremen

Rund 800 Menschen folgten am 14. März 2009 einem Aufruf der Bremer Kampagne “Ladenschluss”, unter deren Motto auch die Aktivitäten gegen die “Tønsberg”-Läden in Leipzig und Dresden firmieren. Im Visier des Bündnisses, das vor allem von antifaschistischen Gruppen, dem “Bremer Bündnis gegen Rechts”, dem DGB und dem “Standpunkt Bremen” getragen wird, stehen zwei Szeneläden und ein Versand. In der Innenstadt befi ndet sich das Geschäft “Sportsfreund”, zu dessen Sortiment Body-Building-Produkte, Kampfsportutensilien, aber auch Bekleidung der Marken “Thor Steinar”, “Erik and Sons” und “Sport Frei” gehören. Letzteres ist eine Marke, die vor einigen Jahren Hendrik Ostendorf anmeldete, heute arbeitet er für den NPD-Verlag “Deutsche Stimme” im sächsischen Riesa. Sein Bruder Marten Ostendorf betreibt den Laden “Sportsfreund”, der unter anderem von den Angehörigen der rechten Hooligan-Truppe “Standarte 88″ frequentiert wird. Die Käufer aus dem Hool-Milieu bedient auch das Geschäft “Sieg oder Spielabbruch” in Bremen Hastedt. Dessen Inhaber Martin Elsner wird dem direkten Umfeld der extrem rechten Hooliganband “Kategorie C” von Hannes Ostendorf zugerechnet und nahm wiederholt an neonazistischen Aufmärschen teil. Sein Angebot umfasst neben Musik diverser, Fußball-Gewalt glorifizierenden Bands wie “Kategorie C” oder “Vollkontakt” auch Handschuhe, Zahnschutz, Sturmhauben und Textilien in Eigenproduktion, die mit verschiedenen Städtenamen versehen werden können. Die Bremer Kampagne richtet sich auch gegen den “Heimdall Shop”, einem von Lutz Henze im Bremer Norden betriebenen Webshop mit dem klassischen Angebot extrem rechter Versandgeschäfte. Während es der Kampagne bisher gelungenen ist, durch Info-Materialien und -veranstaltungen sowie einer Demonstration im März das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, zeigen sich die Vermieter bisher reserviert oder sehen keinen Handlungsbedarf.

Rheinland-Pfalz

“Ladenschluss! Keine Geschäfte mit Neonazis!”, unter diesem Motto wurde jüngst im nördlichen Rheinland-Pfalz eine Kampagne gegründet, nachdem es dem “Bündnis Ladenschluss Ludwigshafen ” mit Veranstaltungen und einer Demonstration am 17. Januar 2009 mit rund 1.000 Teilnehmern gelungen war, die beiden lokalen rechten Szeneläden “Streetwear Company” in Ludwigshafen-Süd und “Thugs” in Ludwigshafen-Friesenheim zu thematisieren. Für Rheinland-Pfalz ein Novum, denn öffentliche Stellen verschweigen die Existenz derartiger Geschäfte in der Regel. Die Kampagne im Norden des Bundeslandes will nun die Läden thematisieren, die die extrem rechte Kundschaft dort anzieht. Der Laden “HJN Outdoor-Products” in Völkenroth im Hunsrück zum Beispiel vertreibt neben Jagd- und Militaria-Bekleidung und -gebrauchsgegenständen auch Textilien und Accessoires von “Thor Steinar” und “Erik and Sons”. Letzteres ist eine relativ neue Bekleidungsmarke, die am 30. März 2007 im Markenregister des “Deutschen Patent- und Markenamtes” veröffentlicht wurde. Eingetragen ist sie auf eine Firma von Udo Siegmund, der noch einige Jahre zuvor als Anmelder der Website von “Thor Steinar” fungierte. Die Seite von “Erik and Sons” war 2007 zeitweise auf Hans-Jürgen Neu registriert, Inhaber des Völkenrother Outdoorladens. Seine Firma “Danneland GmbH” fungierte in jenem Jahr auch als Bestelladresse und wurde entsprechend sowohl über den Katalog der Firma als auch deren Website verbreitet. Nachdem daran von Seiten antifaschistischer Gruppen öffentlich Kritik geäußert wurde, zog sich Neu zurück und sprach davon, über den Charakter der Marke getäuscht worden zu sein. Trotzdem verkauft er sie noch heute in seinem Geschäft. Im Visier der Kampagne in Rheinland- Pfalz befindet sich auch das Geschäft “Ganghouse” in Mendig, dass auf seiner Internetseite behauptet, nur ein “Abhollager für bestellte Waren” zu sein. Doch vor Ort erwartet die Kundschaft ein voll ausgestattetes Geschäft mit Schaufenster und Warenauslage, das jeden Samstag öffnet. Der Inhaber Patrik Lehmitz versucht, gleich mehrere Kundensegmente zu erschließen: Mit bunten Army-Taschen und T-Shirts der Punkband “Exploited” möchte er offenkundig alternative Jugendliche ansprechen, mit seiner Auslage an “Securitybedarf ” (Pfefferspray etc.) baut er auf verängstigte BürgerInnen als Kunden und für die Neonazis im Landkreis Mayen-Koblenz führt er “Thor Steinar” und “Erik and Sons”.

Lüneburg

Ein Flugblatt mit der Überschrift “Lüneburger Geschäftsleute wehren sich gegen linke Gewalt!” sorgte Anfang April für Irritationen in der niedersächsischen Stadt. Als Verantwortlicher im Sinne des Pressegesetzes des kleinen Handzettels fungierte Christian Sternberg. Unter den Unternehmern und Geschäftsleuten der Stadt war er bis dato nicht bekannt. Dabei betreibt er seit 1998 hier sein Gewerbe. Damals übernahm er den Hamburger Laden “Buyor die” der einstigen Lüneburger Neonazis Hans und Michael Grewe und ließ ihn nach Lüneburg umziehen. Das zwischen Innen- und Altstadt liegende Geschäft wurde 2000 in “Temple of Football” umbenannt, an seiner Angebotspalette änderte das wenig. Er bedient sowohl das rechte Hooligan-Milieu als auch die regionale Neonazi-Szene. Zwischen 2001 und 2003 organisierte er drei Konzerte mit der Bremer Band “Kategorie C” im Landkreis Lüneburg, wohl mit der Intention, seiner Kundschaft mehr als nur Klamotten und CDs zu bieten. Doch ein vierter Auftritt am 26. Februar 2005 scheiterte nach Protesten im Vorfeld und einer antifaschistischen Kundgebung am Veranstaltungstag. Fans der Band, die dennoch nach Lüneburg gereist waren, griffen TeilnehmerInnen der Kundgebung an. Sternberg selbst bewegt sich schon seit Ende der 1980er Jahre in der neonazistischen Szene Lüneburgs und nahm in den letzten Jahren regelmäßig mit anderen Personen der lokalen Kameradschaft “Trupp 16″ an neonazistischen Aufmärschen teil. Doch außer von Seiten der lokalen antifaschistischen Gruppe und der VVN-BdA wurde die Präsenz dieses Ladens in der aufstrebenden Hanse- und Universitätsstadt im Speckgürtel Hamburgs nicht thematisiert. Im Herbst 2008 schloss der “Temple of Football” überraschend und zog mit seinem Laden um. An zentraler Stelle, am Rande der Innenstadt, eröffnete er am ersten Dezemberwochenende 2008 einen neuen Laden. Aus “Temple of Football” wurde “Hatecore”, im Angebot nach wie vor Klamotten von “Thor Steinar”, “MaxH8″ und “Erik and Sons”. Die “Einweihungsparty ” wurde von einer Antifa-Kundgebung gestört, die damit das “nationale Bekleidungsgeschäft” sowie das Lüneburger Tattoostudio “Black Crow” von Paul Plagemann in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Bereits 1996 eröffnet, war es einige Zeit sogar der einzige Tattooladen der Stadt. Plagemann, der sieben Jahre zuvor an einem Überfall auf eine Informationsveranstaltung der VVN-BdA an der Universität Lüneburg beteiligt war, versuchte zu vermeiden, dass er als Neonazi wahrgenommen wurde. Auch einem Interview im neonazistischen Fanzine “Warhead” der “Hammerskins-Nordmark ” ein Jahr nach Eröffnung des Studios, begegnete er mit Dementis. Umso überraschender war es, als er im September 2007 beim NPD-Wahlkampfauftakt in Hannover ein Grußwort der niedersächsischen Kameradschaften überbrachte. Durch diesen Auftritt wurde seine hervorgehobene Rolle im Netzwerk der “Nationalen Sozialisten Niedersachsen” deutlich, mit der er mittlerweile offen umgeht. Die Lüneburger Geschäftsleute haben Sternberg und Plagemann jetzt wohl gegen sich. Denn der von Christian Sternberg am Ostersamstag terminierter Aufmarsch zur Unterstützung der Läden und “gegen linke Gewalt” in der Lüneburger Innenstadt, beeinträchtigte die Geschäfte. Zwar gelangten die Neonazis nicht in die Stadt, da eine Sitzblockade im Anschluss an eine Gegendemo mit rund 2.500 TeilnehmerInnen ihnen den Weg versperrte, doch für das Tohuwabohu in der Stadt wurden sie als Auslöser verantwortlich gemacht. Dem “Geschäftsmann” Sternberg wurde unterdessen das Ladenlokal gekündigt.

Fazit

Gerade dort, wo es gelingt, breite Bündnisse von antifaschistischen Gruppen, Gewerkschaften, Parteien und anderen lokalen Akteuren zu schaffen, ist es möglich, die Existenz von rechten Szene-Läden zu problematisieren. Auch wenn am Ende nicht immer eine Kündigung steht, so verhindern die Kampagnen doch eine Veralltäglichung der extremen Rechten.

Quelle:
Gunnar André/ Der Rechte Rand No. 118/ Mai-Juni 2009

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