Chemnitz: »Thor Steinar« bedauert – angeblich « DasLetzte.blogsport.de

Chemnitz: »Thor Steinar« bedauert – angeblich

Laden ändert nach Protesten Namen von »Brevik« auf »Tønsberg«

Chemnitz. Nur das i-Tüpfelchen fehlte und der dazugehörige Strich. Dennoch war die Provokation perfekt – zumindest bis sie ihren Urhebern über den Kopf wuchs. „Brevik“ nannte sich bis gestern der jüngste Laden der Marke „Thor Steinar“, die bei Neonazis hoch im Kurs stehende Mode produziert. Der Laden hatte in der Vorwoche in Chemnitz eröffnet. Mehrere Läden der Firma sind nach norwegischen Städten benannt. Brevik, so heißt auch ein 2700-Seelen-Ort in Norwegen, doch in Verbindung mit der Kundschaft des Labels ruft der Name andere Assoziationen hervor: Anders Breivik. Vom Nachnamen des rechtsextremen Attentäters, der im Vorjahr in Norwegen 77 Menschen tötete, fehlt nur das „i“.

Familienvater angeblich besorgt

Diesen Schluss zog vor Eröffnung des Geschäfts schon der Versender einer E-Mail, der sich selbst als „beunruhigten Familienvater“ bezeichnete: „BREVIK. Vermutlich anheimelnd (sic!) an den Massenmörder Breivik. Lassen sie (sic!) nicht zu, dass morgen dieses Ladengeschäft eröffnet“, schrieb der Absender mit der Mail-Adresse „baggypant[ät]t-online.de“. Mit der Einschätzung steht er nicht allein. Hoch schlagen seit Eröffnung die Wogen des Protestes. Erst gestern Abend kamen Gewerbetreibende, die Landtagsabgeordnete Hanka Kliese, die in der Nähe ihr SPD-Büro hat, und das Stadtteilmanagement zusammen, um zu beraten, wie man den Laden wieder loswerden könne.

„In Norwegen würde man zwar zunächst an die Kleinstadt denken, einen idyllischen Ort am Meer“, sagt Anne-Kirsti Karlsen, Sprecherin der norwegischen Botschaft in Berlin. „Aber die ist so klein, dass sie in Deutschland keiner kennt.“ Somit gelte der erste Gedanke hier zwangsläufig dem „extrem ähnlichen“ Namen des Attentäters, urteilt auch sie. Mit „Thor Steinar“ lag ihr Land bereits im Clinch. Weil das Label bis 2008 die norwegische Flagge als Motiv nutzte, erstattete Norwegen wegen „widerrechtlicher Verwendung staatlicher Hoheitszeichen“ Anzeige gegen den Brandenburger „Thor- Steinar“-Hersteller Mediatex. Seither verzichtet der auf die Flagge, doch der Protest norwegischer Städte gegen den „Missbrauch ihrer Namen“ lief ins Leere, so Karlsen. „Wir haben im Auftrag mancher Städte bei Mediatex Beschwerde eingelegt“, sagt sie, doch fruchtete das nicht. Rechtlich sei die Namensnutzung nicht greifbar. Ob die Wellen, die der aktuelle Laden mit seiner Namenswahl inzwischen sogar bis in norwegische Zeitungen schlug, bewusst provoziert wurden, möge sie nicht einschätzen, sagt Karlsen.

Für die Chemnitzer Rechtsextremismus-Expertin Petra Zais besteht da keine Frage. „Bewusst inszenierter Tabubruch gehört zur Strategie der Szene“, sagt die 54-Jährige, die zehn Jahre lang Vereine, Firmen und Institutionen über Strukturen, Verhalten und Codes der Neonazis aufklärte. „Da gilt es, Botschaften an den Mann zu bringen, die so geschmacklos wie möglich, aber strafrechtlich nicht zu greifen sind“, sagt Zais. Bei gewaltverherrlichender Musik zeige sich das ebenso wie bei Zeichen und Zahlencodes. Die Kombinationen 18 und 88, die für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet, also kurz für „Adolf Hitler“ und „Heil Hitler“ stehen, sind die gängigsten Beispiele codierten Nazi-Kults, der die Strafrechtsgrenze (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) noch nicht überschreitet. In Fußballfanblocks stößt man auch auf die nicht so geläufige Ziffernfolge „168:1″. Auch diese Erinnerung an den rechtsextremen Bomben-Attentäter Timothy McVeigh, der 1995 in den USA 168 Menschen tötete und hingerichtet wurde, mag geschmacklos sein. Rechtlich zu greifen ist sie nicht.

Bewusst gesetzte geschmacklose Botschaften? „Von jeglicher Gewalttat und von Extremisten“ distanzierte sich die Mediatex GmbH aus Mittenwalde gestern erneut. Zais winkt ab: „Thor Steinar“ falle nicht in die Kategorie „missbrauchter Marken“ wie „Lonsdale“ und „Fred Perry“, die vereinnahmt wurden. Hier liege die Nähe zu Rechtsextremen in bewusst gewählten Motiven der Kollektion. „Die Symbolik ist klar“, sagt Zais. Der Brandenburger Verfassungsschutz bestätigt das: Das Sortiment sei „als Bedienung völkischer Symbolik“ zu verstehen, etwa durchs „Verwenden von Tarnfarben und -mustern oder gedruckten Schriftzügen in Runenschrift“, urteilte die Behörde 2007 über die fünf Jahre zuvor vom Königs Wusterhausener Geschäftsmann Axel Kopelke gegründete Firma. Dadurch sei die Kleidung „identitätsstiftendes“ Zeichen der Szene. Im Bundestag, im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und in mehreren Fußballstadien ist das Tragen des Labels verboten.

Name angeblich Betreibersache

Runen-Romantik, Wehrmachtsreminiszenzen, die Wahl geschmackloser Geschäftsnamen – alles Zufall? Auf der „Thor-Steinar“-Webseite werden bundesweit 13 Läden beworben. Zwölf tragen norwegische Städtenamen, meist mittelgroße oder Großstädte. Der kleine Ort Brevik ist eine Ausnahme. Bei den beworbenen Läden handele es sich um per Franchisevertrag gebundene Subunternehmer, sagt Mediatex-Sprecher Rainer Schmidt auf „Freie Presse“-Anfrage und betont: „Die Namenswahl ist Sache des Betreibers.“ Eine Stunde nach der Anfrage bei Mediatex schraubte man am Chemnitzer Geschäft indes das Metallschild ab, brachte statt dessen den Namen der Stadt Tønsberg an. Fast zeitgleich versandte Mediatex eine Mail, in der es hieß, die Namens-Ähnlichkeit sei „fatal, aber nicht gewollt“ und sollte „keinesfalls“ provozieren. Der laut Mediatex für die Auswahl verantwortliche Chemnitzer Betreiber heißt Matthias P. Er selbst äußerte sich trotz Anfrage bisher nicht zu seinen Auswahlkriterien. Bei telefonischer Anfrage im Laden legte man auf. Bei persönlicher Vorsprache verwies das Personal Reporter des Ladens.

Angebliche Ware „Baggy Pants“

Doch ein anderer kann Licht auf die Auswahlkriterien werfen – P.s Vermieter. „Als ich das Ladenschild zum ersten Mal gesehen habe, lief es mir kalt den Rücken runter“, urteilte der 69-jährige Mann aus Niederbayern, der sich von P. auch bezüglich der gehandelten Ware arglistig getäuscht sieht. Er lässt den Mietvertrag derzeit anwaltlich darauf prüfen, ob er aufzulösen ist. „Hätte ich alles gewusst, wäre es nie zum Vertrag gekommen. In Gesprächen war immer nur die Rede von Outdoor-Kleidung und Baggy Pants.“ Baggy Pants? „Ja, so lautete auch die Email-Adresse, über die ich mit dem Mann Kontakt hatte: baggypants[ät]t-online.de“, sagt der Bayer. Die Mailadressen-Übereinstimmung lässt die vorgebliche „Beunruhigung“ des angeblichen „Familienvaters“ in ganz neuem Licht erscheinen – und nicht nur sie. Auch die gestern von Mediatex betonte Distanzierung von angeblich zufälligen Namensähnlichkeiten erhält ganz neue Bedeutung. Sicher gebe es „interessierte Kreise, die eine solche ,Verbindung‘ gerne herstellen“, betonte das Unternehmen. Richtig – offenbar sind das Kreise, die an Marketing interessiert sind, geschmacklos, aber rechtlich kaum greifbar.

Modische Nazi-Reminiszenzen

Nicht irgendein Tarnmuster wählt „Thor Steinar“ für seine Mode, sondern das sogenannte „Splitter-Tarn“ der Wehrmacht. Nur die Größenverhältnisse stimmen nach Auskunft des Deutschen Historischen Museums nicht ganz überein.

Was hat ein Wüstenfuchs mit Nazis zu tun? Viel. Die Assoziation mit Generalfeldmarschall Erwin Rommel liegt auf der Hand. Der hatte angesichts seiner Erfolge im Afrika-Feldzug, wo er 1942 bis El-Alamein vordrang, eben den Spitznamen „der Wüstenfuchs“.

Auch das Flugschule-T-Shirt aus der „Thor Steinar“-Kollektion legt Reminiszenzen nahe. Immerhin wählt man jenen Jagdbomber Messerschnitt 262, der im Zweiten Weltkrieg von der Nazi-Propaganda als „Wunderwaffe“ gepriesen wurde.

Quelle:
Erschienen am 08.03.2012 auf „Freie Presse Online“/ Jens Eumann und Michael Müller

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